"THE JOY OF MISSING OUT" | Das Wochenbett

Das Wochenbett beginnt unmittelbar nach der Geburt der Plazenta. Die ersten 10 Tage danach werden als Frühwochenbett bezeichnet, in diesen Tagen finden die meisten Rückbildungsvorgänge und Anpassungen statt. Aber es dauert rund 6-8 Wochen (oder sogar länger), bis sich die Mutter von der Geburt erholt und sich der Alltag mit Baby eingespielt hat. Das Wochenbett ist eine wichtige und oft unterschätzte Zeit, die genauso sorgfältig wie die Geburt vorbereitet werden sollte. „Es ist ein seltsamer und wunderschöner Schwebezustand, der sowohl anstrengend als auch aufregend ist, gleichzeitig myseriös und monoton.“ (Heng Ou)

Kulturell gesehen ist die Zeit Postpartum eine Zeit des Schutzes von Mutter und Kind. Die Stellung der neu gebackenen Mama ist leider in vielen Teilen der westlichen Kultur etwas verloren gegangen, während die Frau in anderen Kulturen wie eine Heldin umsorgt wird. Oft wird erwartet, dass das Leben nach der Geburt genauso weitergeht wie vorher. Dass sich alles schnell einspielt, die Frau schnell wieder fit ist, dass das Baby „funktioniert“ und die Familie wieder zum gewohnten Alltag übergehen kann. Doch ein Baby zu bekommen, verändert die Familiendynamik – jedes Mitglied muss erstmal seinen neuen Platz finden, die Eltern müssen ihr Baby kennen lernen, das Baby muss sich an das Leben auf der hellen, lauten Welt gewöhnen. Tag und Nacht verschmelzen, der Körper und Geist, vor allem der Mutter, verändert sich. 

Wochenbett

Früher war die Phase der Erholung, Anpassung und Gewöhnung ein wichtiger Teil des ganzen Geburtsprozesses, die Mutter wurde für die kräftezehrende Leistung ein Kind auszutragen und zu gebären regelrecht zelebriert. Das ist in vielen Teilen der Welt übrigens noch heute so. Hier kümmert sich die Familie, ja das ganze Umfeld, ganz selbstverständlich ums Kochen, den Haushalt und die Pflichten der Frau, sodass sie sich ganz auf ihre Erholung und ihr Baby konzentrieren kann. Es werden die Rahmenbedingungen dafür geschaffen, dass sich die Frau ganz und gar darauf fokussieren kann, einen glücklichen und gesunden Übergang von der schwangeren Frau zur Mutter zu erleben. 

In der westlichen Welt hat sich der Fokus in den letzten Jahrzehnten verändert. Bei uns steht vor allem nach der Geburt das Baby sehr im Mittelpunkt. Klar, verständlich, denn die kleinen Menschen sind so schutzlos und süß. Sie werden mit Liebe und Zuneigung überschüttet, vom Umfeld der Familie aber vor allem mit Geschenken und Materiellem. Dabei sind irgendwie die alten Weisheiten verloren gegangen, dass in dieser besonderen Zeit vor allem auch die Mutter diese Zuneigung und Fürsorge erfahren sollte (und auch dringend benötigt). Denn schon früher wusste man, dass die Zeit der intensiven Erholung der Mutter oft verhindert, dass künftig körperliche und psychische Erkrankungen auftreten. Einige traditionelle Lehren sehen vor, dass die ersten 40 Tage (oft auch 21 Tage, 30 Tage oder wie in Deutschland 6 Wochen) die Zeit ist, in der die Mutter die Energiereserven auftankt und die starke Basis für die Anforderungen des Mutterdaseins legt. In der chinesischen Lehre heißt es außerdem, dass eine gute Pflege in dieser Zeit die Voraussetzung für weitere Kinder ist, sowie ein angenehmes Altern ermöglicht. So wird in China noch heute Zou Yuezi, das Monatssitzen praktiziert. Einen Mondzyklus lang liefert diese alte Tradition die Verhaltensregeln für frisch gebackene Mütter, die darauf abzielt, den weiblichen Körper nach der Schwangerschaft wieder in Balance zu bringen und sich zu erholen. Erholung, Ruhe und das Stillen stehen an erster Stelle. In Mexiko wird das traditionelle „Cuarentena“ praktiziert, in Japan das “SATOGAERI SHUSSAN“ und in Finnland gibt es Hilfe von der „Neuvolatäti“. Wir selbst haben unsere ganz persönlichen Erfahrungen damit gemacht und gemerkt, was in unserer Kultur derzeit am meisten fehlt: der angemessene Rahmen und die Zeit, die es Frauen erlaubt, in ihrem eigenen Tempo Mama zu werden. 

Wir fragen uns, wieso dieser Teil des Kinderkriegens oft völlig ausgeblendet wird? Liegt es daran, dass der Fokus der Frauen oft sehr in der Vorbereitung auf die Geburt liegt? Dass uns in Zeitschriften oder auf Social Media suggeriert wird, dass wir ein voll ausgestattetes Babyzimmer brauchen und viele Frauen direkt nach der Geburt wieder „die Alte“ sind? Dass Schwangerschaftsratgeber häufig nur sehr spärlich auf die Zeit nach der Geburt eingehen?

Wir sind froh, dass aktuell ein Umdenken stattfindet. Dass immer mehr Frauen und Familien diese Zeit ganz bewusst gestalten und das Tempo rausnehmen. Dass diese Zeit auch immer mehr öffentlich stattfindet, dass die echten Geschichten erzählt und Erfahrungen geteilt werden. Dass viele Frauen sich eine achtsamere, authentische Form des Mutterseins wünschen, sich gegenseitig unterstützen und Mut zusprechen und versuchen, ihren ganz eigenen Weg zu finden. Wir müssen in unserer Gesellschaft erreichen, dass sich der Fokus nach der Geburt wieder mehr auf die Frau, ihre Heilung und Rückbildung richtet. Dass wir als Gebärenden verstehen, wie wichtige diese doch so kurze Zeit für unser körperliches und seelisches Wohl ist. Und dass wir alle Außenstehenden und unser Umfeld dafür sensibilisieren, worum es in dieser Zeit geht und wie sich Menschen einbringen und helfen können. Oft hilf ja nur ein „Und wie gehts dir eigentlich? Wahnsinn was du geleistet hast!“ Denn egal wie anstrengend, schön oder kräftezehrend die Geburt war, die wirkliche Arbeit beginnt danach. Wir sind froh, dass das deutsche Gesundheitssystem grundsätzlich eine unvergleichbar gute Nachsorge durch eine Hebamme vorsieht. 

Dennoch: Kinder bekommen und alles was damit für die Frau zusammenhängt, wird unserer Meinung nach in unserer Gesellschaft viel zu wenig wertgeschätzt und die Frau in ihrer neuen Rolle nicht angemessen unterstützt. Lasst uns das ändern! Wir wollen, dass Frauen geheilt, gestärkt und zuversichtlich aus ihrer Wochenbettzeit kommen. Wir wollen Frauen dazu einladen, die besondere Zeit des Wochenbetts wichtig zu nehmen und gut für sich zu sorgen.

 

QUELLEN:

Die ersten vierzig Tage, Heng Ou

Das Wochenbett, Loretta Stern & Anja Constance Gaca

https://www.dw.com/de/mein-deutschland-kulturclash-am-wochenbett/a-42177945



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